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Auszug aus dem Roman: Die Trauzeugin

Der Tisch vibrierte unter dem kontinuierlichen Aufprall ihrer Stirn, der linke Arm baumelte rhythmisch im Takt der zitternden Holzplatte an ihrem Körper herunter. Immer wieder hob sie, in Selbstmitleid gefangen, ihren Kopf, um ihn schließlich erneut auf die Holzplatte fallen zu lassen. Die Tränen kullerten übers Gesicht, aus der Nase plätscherte ein kleines Bächlein, das in eine Pfütze auf dem Tisch mündete. Das Hämmern in den Schläfen war ihr egal. Alles war ihr egal. Direkt neben ihrem Kopf lag ihr Handy, mit der rechten Hand wählte sie unentwegt die Nummer ihrer Freundin Marie, um dann doch wieder in deren Mailbox zu landen. Sie drückte erneut auf die grüne Taste.

 

„Herrgott, Emma, geht die Welt unter? Siebenunddreißig Anrufe in zwölf Minuten? Drehst du jetzt völlig durch? Wenn dir nicht irgendjemand mindestens deine Hand abgehackt hat, schwöre ich dir …“

Wütendes Schnauben.

„Aber … er hat … Sag mal, wo bist du?“

„Was hat er, Emma? Was? Dich zum ersten Mal ernst genommen, nachdem du zum vierhundertsten Mal Schluss gemacht hast?“

„Marie, er hat eine Neue. Kaum haben wir Schluss gemacht, ist er … er ist … Was surrt denn da so im Hintergrund?“

„Mein Vibrator. Emma, was ist denn mit dir? Sei froh, dass du ihn los bist. Du hast was Besseres verdient.“

„Haha, is klar. Wärst du so freundlich, deine elektrische Zahnbürste beiseitezulegen? Marie, er hat mich ersetzt. Seine Neue sieht aus wie ein Supermodel. So eine Dürre mit scheißgroßen Brüsten und scheißgroßem roten Schmollmund. Ein Designer-Kleiderständer mit dem IQ einer …“

„Emma!“

„Jaja. Aber sie ist doch gar nicht sein Typ. Und außerdem, wer will schon eine Frau, die aussieht, als wäre sie gerade einem Grafikprogramm mit Weichzeichnungsfilter entsprungen? Und ich? Mein neuer Freund heißt Schokomuffin und bald seh ich auch wie einer aus.“

„Halt! Keiner bewegt sich! Sie hat ihr Selbstwertgefühl verloren!“ Marie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Im Ernst! Ich habe Hautrötungen von der Glutamat-Überdosis und Blähungen von den Kaubonbons, die mit Zuckerersatzstoffen vollgepumpt sind. Ich könnte auch als Cornetto durchgehen oder …“

„Emma!“

„… als Kirschtomate am Stiel. Ich weiß jetzt, warum es ‚Fress’ und ‚Attacke’ heißt. Ich bin fett, hässlich, grausig, eklig, …“

„… albern? Gefühlsduselig? Bedürftig nach Aufmerksamkeit? Mensch, Emma! Jetzt hör mir …“

„Ich habe irgendwo in meinem Magen eine Klappe. Fix! Ich ess’n Burger mit Pommes und fett Mayo, was man halt so zum Überleben braucht. Und dann? Zack! Immer noch Hunger.“

„Mensch, weißte was? Du solltest dich mal beim Jahrmarkt bewerben. Als Stimmungswunder.“

„Danke. Stimmt, ich bin der geborene Rummelplatz für Fettzellennachwuchs, während meine Stimmung Geisterbahn fährt und …“

„HEY! Lass wieder Blut in deinen Kopf! Ich habe keine Lust, Jagd auf deine fliehenden Gehirnzellen zu machen und …“

„Waidmannsheil!“

„Na wenigstens hast du deinen Humor noch.“

 

 

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